Coronavirus: Ist es weniger gefährlich als bislang angenommen?

Coronavirus: Ist es weniger gefährlich als bislang angenommen?
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US-Epdemiologe John Ioannidis vergleicht Covid-19 mit der normalen Grippe. Er hält die Annahme für übertrieben, dass sich große Teile der Weltbevölkerung infizieren werden.

Der deutsche Virologe Hendrick Streeck erklärte am Mittwoch, dass er die Maßnahme, die während der Coronakrise getroffen wurde, nicht wirklich nachvollziehen kann und für ihn überhastet gekommen sind. In die selbe Kerbe schlägt nun der US-Epidemiologe John Ioannidis. Er ist der Meinung, dass die saisonale Grippe möglicherweise mehr Todesopfer fordern könnte als Covid-19.

Wenn sich das als richtig herausstellen sollte, dann wäre ein verordneter globaler Stillstand mit all seinen sozialen und finanziellen Folgen vollkommen widersinnig“, schrieb Ioannidis. Er stützte seine These auf die Untersuchung von Passagieren und Besatzungsmitgliedern des Kreuzfahrtschiffes “Diamond Princess”, auf dem sich Ende Jänner das Coronavirus verbreitete.

Ioannidis: Sterberate weit niedriger

Er nahm diese Daten und rechnete das auf die Gesamtbevölkerung der USA hoch und kam auf eine tatsächliche Sterblichkeitsrate zwischen 0,05 und einem Prozent. Damit weit unter der ersten groben Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die von 3,4 Prozent ausgeht.

Die drakonischen Maßnahmen, die wir im Moment erleben – im Grunde eine komplette Stilllegung des öffentlichen Lebens – sind eine blinde Reaktion und eine Art der Medizin, wie wir sie aus dem Mittelalter kennen“, sagt Ioannidis im Interview mit dem Spiegel. Die Maßnahmen seien natürlich sinnvoll, weil man noch zu wenig über das Virus wisse.

“Anfangen per Zufallsprinzip zu testen”

“Aber wir müssen unbedingt damit anfangen, per Zufallsprinzip die Bevölkerung zu testen, damit wir den gegenwärtigen Stand der Epidemie besser verstehen.”

Und er erklärt auch warum: “Wenn diese Tests zeigen, dass schon sehr viele Menschen infiziert sind, könnte es der klügere Weg sein, Senioren und Menschen mit Vorerkrankungen zu schützen – und gleichzeitig die Mehrheit der Bevölkerung, bei der das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes gering ist, wieder zum normalen Leben zurückkehren zu lassen.”

“Dann kann es schädlich sein, die Maßnahmen fortzuführen…”

Jeder weiß, dass die gegenwärtige Strategie, nämlich der komplette Shutdown, hohe Kosten und damit auch Risiken birgt. Nicht nur wirtschaftliche, sondern sie verursachen auch mentale Probleme. Deshalb muss man die gegenwertigen Maßnahmen überprüfen und schauen, ob sie in ein oder zwei Wochen Wirkung zeigen. “Wenn sie nichts oder nur wenig bringen, kann es schädlich sein, sie fortzusetzen.”

Zuletzt gab es immer wieder Hochrechnungen, was passieren würde, wenn die aktuell getroffenen Maßnahmen nicht umgesetzt werden würden. So hatte etwa das Imperial College in London Mitte März eine Studie veröffentlicht. Nach dieser würde eine Abmilderungsstrategie, die einen Schutz der Senioren vorsieht, aber gleichzeitig eine langsame Verbreitung zulässt, würden allein in den USA ungefähr 1,1 bis 1,2 Millionen Menschen sterben.

Man braucht Daten und keine Modellrechnungen

Dieser Studie widerspricht Ioannidis in gewissen Teilen. “An der Studie des Imperial College waren großartige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beteiligt. Dennoch glaube ich, dass deren Modellrechnung auf unhaltbaren Annahmen beruht, die sich aus aktuellen Daten speisen. Interessanterweise hat der Hauptautor der Studie, Neil Ferguson, vor wenigen Tagen seine Prognose für die Zahl der Toten durch das Virus in Großbritannien nach unten korrigiert: von 510.000 auf 20.000 oder sogar noch weniger.” Was man daher brauchen würde, sind Daten und nicht immer neue Modellrechnungen.


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