Es ist wie Tschechows Gewehr, das im letzten Akt von der Wand genommen wird: Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Wladimir Putin eine experimentelle, nuklearfähige ballistische Rakete in die Ukraine abfeuern würde. Dass diese Entscheidung gerade jetzt fällt, ist kaum ein Zufall. Der Krieg nähert sich einem möglichen Endspiel, und beide Seiten versuchen, ihre Positionen vor den Verhandlungen unter dem Schatten von Donald Trump zu optimieren. Die kommenden Wochen und Monate könnten entscheidend sein – nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die geopolitische Ordnung der Welt.
Unsicherheit über Trumps Pläne
Weder die Ukraine noch Russland wissen genau, was Trump tun wird, wenn er im Januar sein Amt antritt. Doch die aktuellen Eskalationen setzen einen neuen Status quo für den Tag, an dem Trump Präsident wird. Seine Optionen reichen von knallharten Verhandlungen bis hin zu einem Szenario, in dem er die Ukraine einfach fallen lässt.
Ukrainische Beamte erklärten diese Woche, dass sie schlicht nicht wissen, was der designierte Präsident für sie geplant hat. Daher konzentrieren sie sich darauf, ihre Position auf dem Schlachtfeld zu optimieren. Besonders wichtig ist es, einen Brückenkopf in der russischen Region Kursk zu halten und die Frontlinien andernorts zu stärken, um mit einer möglichst starken Verhandlungsposition in die neuen Gespräche zu gehen.
Für die Ukraine geht es jetzt um alles. Der Krieg ist längst nicht mehr nur eine Frage des Überlebens, sondern auch eine Frage, wie man mit dem Machtwechsel in den USA umgehen soll. Präsident Selenskyj hat in den letzten Wochen wiederholt betont, dass er auf die kontinuierliche Unterstützung der westlichen Partner angewiesen ist. Gleichzeitig scheint er zu verstehen, dass die Ungewissheit über Trumps Position eine langfristige Strategie schwierig macht. Die Unsicherheit über die Zukunft der US-Hilfen zwingt die Ukraine dazu, in eine defensive Haltung zu gehen, um Verluste zu minimieren.
Auch die US-Regierung weiß nicht, was Trump vorhat. Daher versucht man, die Ukraine so autark wie möglich zu machen und europäische Partner darauf vorzubereiten, nach Bidens Abgang die Unterstützung für die Ukraine zu erhöhen. Ziel ist es, eine Wiederholung des Afghanistan-Szenarios zu verhindern, bei dem die Armee des Landes zusammenbrach, sobald die USA ihre Unterstützung einstellten. Dennoch sind viele skeptisch, ob die Ukraine den Krieg ohne US-Hilfe auf Dauer fortsetzen kann.
Bidens letzte Unterstützung und Putins Eskalation
In den letzten Monaten seiner Amtszeit hat Joe Biden der Ukraine einige strategische Zugeständnisse gemacht. Dazu gehören das Recht, Atacms-Langstreckenraketen gegen Ziele in Russland einzusetzen, die Genehmigung für den Einsatz von Landminen und die Entsendung von US-Militärberatern zur Wartung von Ausrüstung. Doch selbst US-Beamte geben zu, dass diese Maßnahmen keine Wendepunkte darstellen. Biden zögerte lange, teilweise aus Sorge vor innenpolitischem Gegenwind vor den Wahlen. Diese Vorsicht hat die Ukraine in eine schwierige Lage gebracht.
Diese Unterstützung könnte von Trump bei Amtsantritt sofort zurückgenommen werden. Gleichzeitig könnte Trump sie als Verhandlungsmasse gegenüber Putin nutzen, um in den Gesprächen bessere Konditionen zu erzielen. Optimisten hoffen, dass er als Geschäftsmann agiert und nichts Wertvolles umsonst hergibt. Doch die Frage bleibt: Wie wird Trump die komplexe Dynamik zwischen den USA, der Ukraine und Russland handhaben?
Putins Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Am Dienstag schickte Russland dem Westen ein klares Signal: Wir können auch eskalieren. Mit nur 30 Minuten Vorwarnzeit startete Russland eine experimentelle Rakete, vermutlich eine Variante der nie eingesetzten RS-26, die ursprünglich für den Nuklearwaffeneinsatz entwickelt wurde. Diese Rakete stand bereits früher in der Kritik, da sie den inzwischen aufgelösten INF-Vertrag verletzte, der in den 1980er-Jahren eine Raketenkrise in Europa verhindern sollte.
Putin trat am Donnerstag selten im russischen Fernsehen auf und drohte westlichen Ländern, die in den Krieg verwickelt sind. Er behauptete, dass die USA und Europa solche Raketen nicht abfangen könnten. Doch die USA nahmen die nukleare Bedrohung gelassen. Trotz der Schließung der US-Botschaft in Kiew und Warnungen vor einer „Luftangriffsgefahr“ erklärten Beamte, dass keine Veränderungen in Russlands nuklearer Haltung zu beobachten seien.
Ein Blick in die Vergangenheit und Zukunft
Der Konflikt ist nicht nur eine Frage aktueller Machtverhältnisse. Der Ukraine-Krieg hat tiefe historische Wurzeln und wirft gleichzeitig Fragen über die Zukunft auf. Putins Eskalation mit der Rakete mag ein taktischer Schachzug sein, um Druck auf den Westen auszuüben, doch die langfristigen Folgen könnten weitreichender sein, als es auf den ersten Blick scheint.
Experten wie James Acton vom Carnegie Endowment for International Peace sehen den Raketenstart als Erinnerung an die Risiken einer nuklearen Eskalation. Gleichzeitig betonte er, dass Russland die USA vorab über den Test informierte, um Missverständnisse und eine ungewollte Eskalation zu vermeiden. Dies könnte darauf hindeuten, dass Russland zwar bereit ist, Stärke zu zeigen, jedoch eine tatsächliche Eskalation vermeiden möchte.
Für die Ukraine bleibt die Frage, wie sie den Krieg und die Verhandlungen mit einer neuen US-Regierung überstehen kann. Wird Trump ein ehrlicher Vermittler sein? Oder wird er die Ukraine opfern, um ein vermeintlich besseres Verhältnis zu Russland zu erreichen? Die kommenden Monate werden entscheidend sein – nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die globale Ordnung.







