Schockierende Entdeckung: Europäer nutzten Kokain bereits im 17. Jahrhundert

Kokain
Heroin divided into paths on a black background

Europäer nutzten Kokain viel früher als gedacht: Eine überraschende Entdeckung in Italien

Forscher haben in einer italienischen Krypta Beweise dafür gefunden, dass Europäer bereits im 17. Jahrhundert Kokain konsumierten – lange bevor der Wirkstoff in Europa bekannt wurde. Diese neue Entdeckung wirft ein spannendes Licht auf den frühen globalen Drogenhandel und die medizinischen Praktiken vergangener Jahrhunderte.

Kokainkonsum im 17. Jahrhundert: Eine verblüffende Entdeckung

Im Jahr 2019 entdeckte Gaia Giordano, eine Doktorandin der Universität Mailand, während einer archäologischen Untersuchung eine Krypta unter dem alten Ca‘ Granda-Krankenhaus in Mailand. Diese Krypta, in der tausende Menschen begraben wurden, die im 17. Jahrhundert im Krankenhaus starben, sollte eine Überraschung bereithalten, die das Verständnis der europäischen Drogengeschichte verändern würde. Giordano und ihr Team analysierten die Überreste von neun Menschen, die dort im 17. Jahrhundert beigesetzt wurden, und fanden in den Schädeln und Gehirnresten zweier Personen Spuren von Kokain – eine Entdeckung, die darauf hindeutet, dass Europäer bereits 200 Jahre vor der Isolation von Kokain aus der Kokapflanze Zugang zu dem Stoff hatten.

Diese Entdeckung ist bahnbrechend, da man bisher davon ausgegangen war, dass Kokain erst im 19. Jahrhundert in Europa auftauchte, als der deutsche Chemiker Albert Niemann den Wirkstoff aus der Kokapflanze extrahierte. Doch die Ergebnisse, die im Oktober 2024 in der Journal of Archaeological Science veröffentlicht wurden, zeigen, dass Europäer viel früher Kontakt mit den südamerikanischen Kokablättern hatten.

Handel und Austausch: Wie gelangte Kokain nach Europa?

Die Entdeckung wirft die Frage auf, wie die Kokablätter nach Europa gelangten. Kokablätter wurden bereits seit Jahrtausenden von indigenen Völkern in Südamerika genutzt, vor allem als Schmerzmittel, Appetitzügler und Energielieferant. Es ist jedoch unklar, wann genau diese Blätter den Weg über den Atlantik nach Europa fanden.

Forscher vermuten, dass spanische Kolonialisten, die im 16. Jahrhundert Südamerika kolonisierten, die heilenden Eigenschaften der Kokablätter entdeckten und möglicherweise einige Blätter als Kuriosität oder als Medizin nach Europa brachten. Benjamin Breen, Historiker an der University of California, Santa Cruz, erklärt, dass es durchaus plausibel sei, dass Apotheken oder Ärzte Kokablätter als exotische Medizin in die Alte Welt eingeführt hätten. Vor allem Handelszentren wie Mailand könnten früh Zugang zu solchen Importen gehabt haben.

In den Chroniken von Reisenden des 16. Jahrhunderts finden sich Hinweise auf die Nutzung von Kokablättern durch indigene Völker. Der spanische Missionar José de Acosta beschrieb beispielsweise, wie Kokablätter von den Einheimischen in Südamerika gekaut wurden, um „große Kraft und Mut zu verleihen“. Diese Berichte könnten den ersten Europäern einen Hinweis auf den Nutzen der Blätter gegeben haben.

Medizin oder Genuss? Die Gründe für den Konsum von Kokablättern

Warum die beiden Menschen, deren Überreste in der Mailänder Krypta gefunden wurden, Kokablätter konsumiert haben, ist unklar. Eine Möglichkeit ist, dass sie die Blätter zur Linderung von Schmerzen oder Symptomen konsumierten, insbesondere im Krankenhaus Ca‘ Granda, das armen und kranken Menschen medizinische Hilfe bot. Einer der beiden Konsumenten war ein Mann zwischen 30 und 45 Jahren, der an Syphilis litt – eine Krankheit, für die Schmerzmittel besonders notwendig gewesen wären. Die andere Person konnte weder in Bezug auf Alter noch Geschlecht identifiziert werden.

Es ist jedoch auch möglich, dass die Menschen Kokablätter nicht nur aus medizinischen Gründen, sondern auch aus Genuss konsumierten. Das Krankenhaus selbst führte keine Aufzeichnungen über die Verabreichung von Kokablättern als medizinische Behandlung. Frühere Forschungen zeigten jedoch, dass im Ca‘ Granda Produkte der Schlafmohnpflanze bereits ab 1558 als Schmerzmittel verwendet wurden. Laut Cristina Cattaneo, Direktorin des Anthropologielabors LABANOF, könnte dies darauf hindeuten, dass Kokablätter eher „im Verborgenen“ genutzt wurden – möglicherweise durch den Schwarzmarkt oder private Handelskanäle.

Die Bedeutung der Entdeckung für die Archäologie und Geschichtsforschung

Die Entdeckung von Kokainspuren in menschlichen Überresten aus dem 17. Jahrhundert öffnet ein neues Kapitel in der Geschichtsforschung, insbesondere in der Archäologie. Bisher basierten viele unserer Erkenntnisse über vergangene Kulturen auf schriftlichen Überlieferungen, doch physische Beweise wie die Überreste von Kokain in menschlichem Gewebe bieten eine völlig neue Perspektive auf das Leben in vergangenen Zeiten.

Benjamin Breen sieht in dieser Forschung einen wichtigen Fortschritt für die Archäologie: „So viel von dem, was wir über die Vergangenheit wissen, basiert auf schriftlichen Aufzeichnungen. Aber wenn wir das, was in einem Buch steht, mit physischen Beweisen wie denen aus jemandes Gehirn vergleichen, eröffnet das eine ganz neue Dimension.“ Diese „neue Dimension“ könnte es Forschern ermöglichen, vergangene Kulturen nicht nur durch ihre offiziellen Berichte, sondern durch ihre alltäglichen, oft verborgenen Gewohnheiten zu verstehen.

Die Forschung von Gaia Giordano und ihrem Team hat somit nicht nur das frühere Verständnis der Drogengeschichte Europas verändert, sondern auch gezeigt, wie tiefgreifend neue technologische Methoden in der Archäologie unser Bild der Vergangenheit beeinflussen können. Spektrometeranalysen und andere hochsensible Technologien erlauben es, kleinste Spuren von Substanzen zu entdecken, die vor Jahrhunderten konsumiert wurden, und bieten wertvolle Einblicke in die Lebensrealitäten vergangener Epochen.